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Depressionen: Ratgeber für Angehörige

Depressionen bei Angehörigen
Written by Giovanni
Plötzlich wurde es dunkel

Meine Mama ist einer dieser wundervollen Menschen. Seit ich mich erinnern kann war sie aber auch voller Gegensätze. Als junger Mensch war mir nie ganz klar, warum sie manchmal himmelhochjauchzend und dann wieder zu Tode betrübt war. Und warum sie ihr Leben zwar weitestgehend

meisterte, aber manchmal tief in sich gekehrt schien. An Depressionen dachte ich damals nicht. Wusste ich als Kind ohnehin nicht, was das war.

Ich war schon längst erwachsen, da rief mich mein Vater eines Tages an und erzählte mir, meiner Mutter würde es nicht gut gehen. Ich erfuhr, dass sie während der Arbeit einfach in Tränen ausgebrochen war und man sie nicht mehr ansprechen konnte. Ein Nervenzusammenbruch. Gewiss war dies einfach der finale Absturz bei ihr gewesen, denn im Grunde hatte sie diese dunklen Wolken in ihrem Kopf schon immer gehabt. Wir unterstützten sie und letztendlich kam sie in eine psychosomatische Klinik. Ich und sämtliche Angehörigen, besonders mein Vater waren mit der Situation erstmal heillos überfordert. Wir wussten weder, welche Behandlung nun die richtige war, noch ob wir eine große Hilfe waren. Es blieb uns nur eines: Unterstützen, wo es nur ging.

Meine Mutter litt unter Depressionen

Besser gesagt unter der bipolaren Störung. Oder auch manische Depression.

Es gibt Menschen, die lange Zeit vor Depressionen die Augen verschließen, aber es handelt sich um eine Krankheit und je länger man die Symptome ignoriert, desto schlimmer kann es einen am Ende treffen.

Angehörige depressiv Erkrankter sollten sich deshalb nicht verlassen und allein fühlen, denn die Krankheit ist allgegenwärtig.

Und dann erzählte meine Mama mir von meiner Großmutter, die die Familie verließ, als sie 12 Jahre alt war. Sie beobachtete meine Großmutter des Öfteren, wie sie stundenlang weinend am Küchentisch saß. Einmal packte sie ihr Bündel und sagte zu meiner Mama, sie ginge mal eben noch kurz spazieren. Einige Zeit später fanden Spaziergänger sie an einem Waldweg liegend und alarmierten den Krankenwagen. Sie hatte versucht, sich umbringen. Ein Hilferuf. Das versuchte sie danach noch weitere zwei Mal, ehe sie die Familie Hals über Kopf verließ, in der Hoffnung, woanders das Glück
zu finden. Damals gab es noch keine Hilfe bei Depressionen. Angehörige waren mehr oder weniger hilflos und konnten kaum unterstützen.

Mit ihrem plötzlichen Weggang stieß sie ihre Angehörigen und meine Mutter vor den Kopf und sie fühlte sich seit jeher schuldig. Und darüber hinaus hatte sie diese temporäre Schwermut von ihr übernommen. Und ich wiederum von meiner Mama. Depressionen sind nicht selten vererbbar.

Depressionen: Die Rache des Verdrängten

Besonders in diesen schwierigen Zeiten, die geprägt sind von Krisen und Kriegen, ereilt uns das Gefühl der Leere und der Trauer umso häufiger als sonst. Und je mehr wir Menschen de facto verdrängen und wegschieben und gleichzeitig weiterhin funktionieren wollen, desto schneller holen uns die Trauer, die Angst und die negativen Gefühle ein. Bis sie uns gänzlich wie eine Welle überrollen. Irgendwann brauchen wir Hilfe und Unterstützung.

Die Seite „Stiftung Gesundheitswissen“ geht hier näher auf das Thema Depressionen ein: Wie entstehen Depressionen?

Angehörige leiden häufig mit

Meine Mama hat damals Hilfe angenommen, in dem sie in eine Klinik ging und eine Behandlung begann.

Unterstützen konnten wir als Angehörige, in dem wir ihr zuhörten, ihr immer unsere Hilfe anboten und besonders ich sie jedes Mal aufs Neue animierte, mit mir zu sprechen. Es war dennoch eine schwierige Zeit, denn es tat uns allen weh, meine Mutter in diesem Zustand zu sehen.

Zuweilen schreit unsere Seele um Hilfe

Wichtig ist, dass Angehörige Alarmsignale nicht ignorieren. Eine langfristige, gedrückte Stimmung, Interessenlosigkeit, Gewichtsabnahme, mangelnde Hygiene und verminderter Antrieb sollten immer ein Alarmsignal für Angehörige sein. Angehörige sollten spätestens dann hellhörig werden und feinfühlig nachfragen, was denn nicht stimmt. Wir Menschen brauchen einander. Ohne Hilfe für diejenigen, die wir lieben und die uns nahestehen, sind wir
verloren.

Meiner Mama geht es dank der Behandlung wieder gut. Zwar werden ihre bipolaren Züge niemals gänzlich verschwinden, aber sie hat es im Griff und wir Angehörige sind immer für sie da, wenn sie uns braucht.

Bildrechte Bild: https://unsplash.com/photos/Z_br8TOcCpE

About the author

Giovanni

Giovanni ist studierter Jurist und Philosoph als Marketingleiter bei einem Mittelständler unterwegs, Geschäftsführer einer Agentur, ehrenamtlicher Sterbebegleiter, zertifizierter Trauerbegleiter, Beirat ITA Institut für Trauerarbeit, Mitgliedschaften: Marketing Club Hamburg, Büchergilde Hamburg, Förderverein Palliativstation UKE, ITA, Kaifu Lodge, Kaifu-Ritter