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erotische Friedhofs-Figuren

Eros Friedhofs-Figur
Written by Giovanni

Welche Verbindungslinien gibt es zwischen Erotik und Tod?

Es stellt sich doch die philosophische Frage, die psychologische Frage, warum viele Friedhofs-Figuren des 19. und 20 Jahrhundertes so eine interessante erotische Note haben.

Es gibt dazu sicherlich verschiedene Begründungs-Ebenen.

I) Sigmund Freud hat in den Anfangsgründen seiner Trieb-Theorie postuliert,

dass es nur zwei Grundanlagen im menschlichen Trieb-Wesen gäbe:

a) Thanatos, den Todestrieb

b) Erotik, den Trieb der Sexualität

Diese Dichotomie der menschlichen Trieblehre hat selbst Sigmund S relativiert und erweitert. Aber dennoch könnte es ein Ankerpunkt sein in der Kunst-Auffassung der Gestaltung der Friedhofs-Figuren des letzten Jahrhunderts.

Auch ganz spannend die Gedankenverbindung zwischen Todesfurcht und Erotik. Zumindest der Literatur-Pabst Reich Ranintzky, so die Berliner Morgenpost, link, hatte ich Augenblick der Todesbedrohung nichts weiter im Sinne, als seine Lust auszuleben. Ob es dafür eine psychologische Begründungsebene gibt?  Wenn alles zu ende geht, dann genießen wir das Leben erst recht?  Ich weiß aus der Hospizszene, daß das junge Patienten aus dem Leuchtfeuer auch das eine oder andere Mal nach einem letzten Mal Sex begehren, was dann tatsächlich durch Professionelle realisiert wird.

II)  Vorwand der Künstler

a) Der Künstler sucht einen emotionalen Schutzraum

Die Darstellung der weiblichen Schönheit wurde Jahrtausende von den Amtskirchen unterdrückt und verboten. Gleichzeitig hat die Gesellschaft, normiert von der Auffassung der Kirche ebenfalls protestiert, wenn nackte weibliche Darstellungen in das Licht der Öffentlichkeit gelangten. Selbst in dem aufgeklärten Frankreich, Paris, hat die Ausstellung der freien Weiblichkeit in einem Schaufenster im Ende des 19 Jahrhundert zu einem Massenauflauf an dem Ausstellungsort geführt und dann zu einem polizeilichen Ausstellungsverbot.  Das Argument lautet also:

Die Kunst nutzt die Darstellung von mythologischen Figuren aus der Sagenwelt um umgezügelt Weiblichkeit darzustellen.

IIb) Selbstverwirklungs-Trieb des Künstlers durch die Weiblichkeit

Natürlich kann die Modeerscheinung der sehr weiblichen Darstellung auf den Friedhöfen auch entsprungen sein dem Selbstverwirklungsprinzip der Künstler, frei nach dem Motto „Jeder Künstler ist eigentlich ein Narzisst“ . Diese These ist reichlich gewagt, weil der Künstler nicht das Richtmaß ist, sondern die Gesellschaftsströmung, die eine Modeerscheinung auslöst, sozusagen die gesellschaftliche Überformung ist der Impulsgeber für Kunst-Erscheinungen. Aber welches Huhn bedingt welches Ei und vice versa…

III) Sehnsuchtsort der bürgerlich-verklemmten Auftraggeber

Vielleicht waren die Friedhofs-Figuren ausgenommen von der gesetzlichen Moral in der Öffentlichkeit, weil der Friedhof ein Ort sui generis ist? Ein Ort für eine andere Welt? Ein Ort, in dem man machen kann, was sonst nicht commod ist, nicht angesagt ist?   Sozusagen ein Erlösungsort der gesellschaftlichen Verklemmung.  Natürlich kann es sich hier nur um das reiche Bürgertum handeln, was deduktiv gemeint ist, weil nur die die finanziellen Mittel hatten sich eine solche Figur schaffen zu lassen. Oftmals sind die Galvano-Figuren aus der Eisengießerei von WMF entsprungen, d.h. aus einer schematisierten Massenproduktion.  Dieses Argument kann natürlich nicht gelten für die steingemetzten Erotik-Figuren.

IV) Kunstgeschichtliche Verbindungslinien

Wie wir schon in dem Beitrag VANITAS beschrieben haben, link, hat es in der Kunstgeschichte schon viele Gedankenbrücken gegeben zwischen der Jungendlichkeit und der Endlichkeit. Die Jungendlichkeit des Lebens, immer dargestellt in hübschen Mädels-Darstellungen, wird unterfüttert durch die durchscheinende und gänzliche Nacktheit der weiblichen Person – siehe auch IIa). In der Antike wurde die Nacktheit nicht ganz so streng verurteilt, wie in der Zeit post christum natum. Die Figuren zeigen sich nackt, erotisch und doch offen für Verbindungslinien. So zum Beispiel zwischen Tod und Schlaf.  Warum die Darstellung der Nackheit überhaupt ein Momentum der moralischen Aufgeregtheit sein kann, soll in diesem Aphorismus nicht beleuchtet werden.

V) Literatur-Hinweis

Isolde Ohlbaum hat ein wundervolles Buch zu diesem Thema geschrieben und fotografiert mit dem Titel:

„Denn alle Lust will Ewigkeit“

erotische Figuren Friedhöfen

Hier kannst du das Buch bestellen, link. Das Buch gibt es leider nur noch gebraucht, was kein Nachteil sein muss. oder hier

Die Autorin greift mit dem Titel auf ein Nietzsche Zitat zurück:


Friedrich Nietzsche:
ALLE LUST WILL EWIGKEITO Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

 

Mir kam der Tag nicht, der mich sagen ließ
Du könntest anders nicht als irdisch sein.
Du gleichst ihm allzusehr, dem Paradies,
Und dem, was man als ewig glaubt allein!
– Doch heute abend, in der Luft, die strich
Feucht durch den leeren Park, hab ichs gespürt:
Den erdgen Duft der Astern, der entwich
Und an die welken Chrysanthemen rührt…..
Wie! Du kannst sterben! – und ich liebe dich!

Comtesse Anne de Noailles

Lebenshunger und TodessehnsuchtEros und Thanatos sind die Antipoden, die unsere Existenz bestimmen. Nirgends wird dies deutlicher als auf Friedhöfen. Hier hat Thanatos, der griechische Gott des Todes, den Lebenskreis vollendet, die Erde holt sich den Menschen wieder zurück, der für kurze Zeit, dank Eros, hervortrat in seine Existenz, lebte – und liebte und so den Kreis des Lebens ewig hielt.

Friedhöfe sind Orte der Ruhe, der Besinnung, der Erinnerung und der Einkehr. Leider sorgen, so Ohlbaum, Friedhofsordnungen und behördliche Vorschriften immer mehr dafür, daß diese Oasen der Seele gleichförmiger und neutraler werden, Wie schön dagegen alte Friedhöfe wie St. Marx in Wien, den ich leider nur von (wunderschönen) Bildern und als Buch kenne…..

In ihrem kleinen Bildband sucht Ohlbaum Friedhöfe in ganz Europa auf und porträtiert dort erotische Skulpturen, „verführerische, laszive, aufreizende“ Figuren, die sie dort zu ihrerem Erstaunen fand. Es ist ein wunderschönes Buch daraus entstanden, sehr stimmungsvoll, mit Gedichten und Texten zum Thema Tod, Liebe und Verlust versehen. Vielleicht, so schreibt sie, hat es „…den Schmerz des Verlustes erträglicher gemacht, glauben zu können, daß man sich einst wiedersehen wird, wieder lieben wird: denn alle Lust will Ewigkeit…

… in einem anderen Leben….

Durch Aufklicken werden die Bilder zum Thema Eros auf Friedhöfen in Figuren der Gräber größer!

Eros Friedhofs-Figur 1 Eros Friedhof Ohlsdorf 2 Eros Friedhof Ohlsdorf Eros Ohlsdorf Eros weisser Marmor Friedhof

Bildrechte Institut für Lebenskunde, Mai 2018, Ohlsdorfer Friedhof, 2018


 

Aus Berlin über Eros und Friedhof

Engel, Eros, Emanzipation – Frauenhistorische Friedhofsführung

Warum sind Skulpturen auf Friedhöfen meist weiblich? Welche Bilder von Tod und Trauer vermitteln sie? Anhand von Beispielen wird diesen Fragen nachgegangen. Besucht werden Gräber interessanter Frauen, wie Minna Cauer, einer Vorkämpferin der Frauenbewegung. Die ca. zweistündige Führung richtet sich an alle interessierten Frauen und Männer! Referentin: Claudia von Gélieu (Frauentouren).
Sonntag, 28. Mai, 17 Uhr 2016
Veranstaltungsort
Alter St.-Matthäus-Kirchhof
Großgörschenstr. 12–14
10829 Berlin
(U/S Yorckstraße)

About the author

Giovanni

Giovanni ist studierter Jurist und Philosoph als Marketingleiter bei einem Mittelständler unterwegs, Geschäftsführer einer Agentur, ehrenamtlicher Sterbebegleiter, zertifizierter Trauerbegleiter, Beirat ITA Institut für Trauerarbeit, Mitgliedschaften: Marketing Club Hamburg, Büchergilde Hamburg, Förderverein Palliativstation UKE, ITA, Kaifu Lodge, Kaifu-Ritter