aa -Tagesimpulse Übergänge

Friedhof als Performance-Ort d Gesellschaftsschichten

Eine spannende soziologische Frage ist, ob der Friedhof ein Ort der Differenzierung der Gesellschaftsglieder ist. Es gibt verschiedene Betrachtungswinkel:

1. naturwissenschaftlich, medizinisch  betrachtet ist der Tod ein Sensemann, der alle Menschen, gleich welcher gesellschaftlichen Stellung, mitnimmt in sein Reich Thanatos.

Der Tod macht keine Unterschiede ob des Reichtums. Der Tod macht keine Unterschiede ob der gesellschaftlichen Machtmöglichkeiten. Der Tod holt den Pabst genauso, wie den US-amerikanischen Präsidenten und oftmals viel zeitiger als man sich so vorstellt und viel überraschender als wir kleingeistigen Menschenkinder uns das so vorstellen, siehe Kennedy. Zwar ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Tod eher kommt, wenn man sich schlecht ernährt und wissenschaftlich ist auch belegt, dass der Tod schneller einfachere Menschen abholt und zwar weil die sich nicht vorbildlich ernähren und nicht so viel Sport machen können, wie die reiche und entspannte Gesellschaftsschicht.

2. schon seit Jahrtausenden sind Friedhofsgräber auch ein Differenzierungsort

Was ist der Antrieb, wenn ein Reeder in Hamburg sich ein Mausoleum auf den Ohlsdorfer Friedhof stellt, dass genauso teuer war, wie ein komplettes Einfamilienhaus vor 100 Jahren?  Warum sucht man sich einen schönen Grabstein aus, der noch allerlei Gravuren und Zierereien versehen wurde?

a) als Ausdruck der Persönlichkeit des Verstorbenen

b) als Ausdruck des Respekts und der Achtung der Hinterbliebenen, Bestattungspflichtigen

c) als Ausdruck der Differenz – Individualisierung

Eine der größten gesellschaftlichen Bewegungen der letzten 200 Jahren ist die Individualisierung.  Natürlich möchtet man den unter 1.) beschriebenen Nivellierungs-Schnitt hintergehen, weil Gesellschafts-Hierarchien auch durch Differenz und Differnzierungs-Ausdruck funktionieren und fühlbar, sichtbar in der Welt werden. Im Tod gilt der gleiche Grundsatz.  So findet sich schon in Steinzeitgräbern von Fürsten große und reiche Grabbeigaben.l

3.  Ein gleichgeordneter Friedhof in Afrika

Wie Spektrum der Wissenschaft schreibt, ist ein Afrika eine sehr große Grabanlage gefunden worden, welche von Hirten angelegt worden ist,  die keinerlei Differenzierung der Gräber und Begrabenen aufweist. Hier weiterlesen.

4. gleichgeordnete Friedhöfe in Deutschland

Selbstverständlich gibt es auch Gleichordnungsfriedhöfe in Deutschland. So ist zum Beispiel der Friedhof der Abtei Münsterschwarzach qua dictum so angelegt, dass alle Brüder, gleich ob sie Theologen waren, oder Bauern, gleich ob sie Missionare in Afrika waren, oder Hausmeister im Kloster alle die gleichen Erdbestattungen bekommen, und die gleichen Erinnerungszeichen. Im Tod sind alle Gleich.  Auch gibt es Friedhöfe, die in ihrer Friedhofssatzung festegeschrieben haben, dass alle Grabsteine gleich zu sein haben.  So zum Beispiel die Soldatenfriedhöfe in der ganzen Welt, und in Deutschland. Die Differenzierung findet im Grabkreuz statt, in dem der Rang des Soldaten genannt wird. Der Oberst bekommt aber keinen größeren Grabstein.#

5. dammnatio memoria

Im antiken Rom war die höchste Strafe, wenn ein hoher Beamter oder Kaiser mit dem Vernichten der Erinnerungstafeln bestraft wurde, der dammnatio memoria. Was tun wir uns heute an, wenn 21 % aller Hamburger sich für eine anonyme Grabstätte entscheiden?  Eine Vernichtung der Erinnerung.

6. Trauerpsychologische Aspekte eines konkreten Erinnerungsortes

Aus trauerpsychologischer Sicht ist es höchst begrüßenswert und empfehlenswert , wenn es einen konkreten Gedenkort gibt. Ob der einen kleinen Grabstein, keinen Grabstein oder einen großen Grabstein aufweist ist zunächst ohne Belang. Ich bin der festen Überzeugung, das ein haptischer Stein ein perfektes Erinnerungszeichen auf dem Grab ist, weil wir haptische Menschen sind und der Ausdruck der Liebe, das Streicheln, funktioniert am Grabstein deutlich besser, als auf kargem Boden, oder einer Grasfläche.

7. schöne Grabmäler als kulturelle Ausprägung eines Volkes

Was sollen die Historiker erforschen, die Archäologen bergen, wenn Friedhöfe keine Grabsteine mehr haben?  Auf jeden Fall sind Grabsteine ein Ausdruck von Gesellschaft und deren Umgang mit verschiedenen Themen.  So hat gerade im ausgehenden 19 Jahrhundert die Mode um sich gegriffen, dass erotische Grabsteine geschaffen worden sind.  Dieses Tatsache kann man doch wunderbarst nutzen für die eigene Betrachtung von Schönheit und auf der Metaebene zur Analyse der Gesellschaft außer der super oberflächlichen Argumentation : war halt Mode. Es gibt einen wichtigen Philosophen des 20 Jahrhunderts, dessen Hauptwerk heißt „Die Philosophie der symbolischen Formen“. Leben ist Formung und Form, weil wir gestaltende Wesenheiten sind.

Bildrechte Institut für Lebensberatung Hamburg, 2018

About the author

Giovanni

Giovanni ist studierter Jurist und Philosoph als Marketingleiter bei einem Mittelständler unterwegs, Geschäftsführer einer Agentur, ehrenamtlicher Sterbebegleiter, zertifizierter Trauerbegleiter, Beirat ITA Institut für Trauerarbeit, Mitgliedschaften: Marketing Club Hamburg, Büchergilde Hamburg, Förderverein Palliativstation UKE, ITA, Kaifu Lodge, Kaifu-Ritter