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NEUE HEIMAT

Planung Neue Heimat
Written by Giovanni

Im 20. Jahrhundert war die Sozialdemokratie in Verbindung mit den Gewerkschaften noch ein mächtiger Weltveränderer. Helmut Schmidt hat bis 1982 die Sozialdemokratische Welt geleitet, bis die Partei ihm vorher schon, entglitten ist. 30 Jahre lang hat ein Sozial-Projekt den Deutschen Wohnungsbau geprägt, ein nicht gewinnorientierte Bauträger mit dem Namen  NEUEN HEIMAT.  480.000 Wohnungen wurden geschaffen von der  NEUEN HEIMAT in den 32 Jahren ihre Bestehens. Bei diesem Bauträger arbeiteten 700 Architekten und Stadtplaner. 1982 wurden die gigantischen Verluste des Konzerns offenbar und die Talfahrt nahm ihren rasanten Lauf. 1986 wurde der Konzern zerschlagen und an verschiedene staatliche Investoren verkauft.  Eine gescheiterte Wirtschaftswunder-Utopie, die mit ihren hypertrophen Vorstellungen die Menschen in ihre städtebaulichen Konzepte (Trabanten-Stadtteile) zu pressen suchten und vielleicht auch daran gescheitert sind. In München Perlebach waren 80.000 Wohnungen auf einen Schlag geplant worden.  Ich werde im Sommer 2019 ein paar Fotos von der gigantischen Trabanten-Stadt machen, um ein auratisches Gefühl für die Wohnanlage zu bekommen.

Im Rahmen des Hamburger Architektur-Sommers 2019 wird nun am 27.Juli 2019 eine Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte der Öffentlichkeit vorgestellt, welche die Leistungen der Neuen Heimat darstellt und hoffentlich auch tiefreichende Begründungen vorstellt, warum der Konzern zusammengebrochen ist. Ich bin zur Vernissage eingeladen und bin gespannt auf die reflektierten Reden des Senats und der anderen Festredner.

NEUE HEIMAT

Eröffnungsreden Neue Heimat Ausstellung Hamburg

Am nachhaltigesten sind mir die Worte der Senatorin Dr Stapelfeld in Erinnerung geblieben. Ich zitiere nicht wörtlich, aber dem Sinne nach: Für uns Sozialdemokraten war die Zeit des Zusammenbruchs der Neuen Heimat eine sehr schmerzvolle, weil wir gesehen haben, wie eines unserer wichtigsten Anliegen, sozialer Wohnungsbau und günstiger Wohnraum mit einer großen Knall in sich zusammengefallen ist, auch wenn uns bewusst ist, dass der DGB nicht die SPD ist. Frau Dr Stapelfeld war zu dieser Zeit schon in der Kulturbehörde tätig. Für uns Sozialdemokraten ist es auch heute noch ein Kernanliegen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Deswegen sind wir auch felsenfest in der Entscheidung, die SAGA weiterhin in städtischer Eigentümerschaft zu halten.

Auch war mir nicht klar, dass die Wurzeln der Neuen Heimat schon auf das Jahr 1926 zurückgehen, weil dort die Gewerkschaften, wie einige andere sinnstiftende Projekte, wie den Konsum-Verein, link, oder das GBI Großhamburger Bestattungsinstitut, link,  in den 20er Jahren des 20 Jahrhunderts gegründet hatten zum Wohle der Mitglieder zunächst, um dann für das ganze Volk Nutzen zu stiften. 1922 machte der Konsum-Verein einen Umsatz von 1,24 Mrd Reichsmark.  Der Neu-Deutsche youtuber würde sagen voll-krass.

Genese der Neuen Heimat nach dem 2. Weltkrieg

Der Museumsdirektor des Museums für Hamburger Geschichte Prof. Czech verortet nochmal die Notlage der West-Deutschen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg.  Die Menschen lebten in den sagenumwobenen Nissenhütten, link, die immerhin eine passable Notlösung für die Ausgebombten Hamburger und die 100.000nde Flüchtige aus den Deutschen Ostgebieten boten. Was politisch schon zu Schumachers Zeiten am Beginn der Weimarer Republik gesehen wurde ist die Not der Bevölkerung in der Behausungslage. Nissenhütten sollten eine Notunterkunft sein und blieben tw. bis in die 60er Jahre stehen. Es mußte also schnellstens Wohnraum geschaffen werden. Dazu bot sich der gemeinnützige Wohnungsbaukonzern Neue Heimat an, der diese Kernbedürfnisse der Deutschen schnell zu befriedigen versprach und das auch erfolgreich in Massenbauprojekten einlöste.  Insofern war die Lösung von Massen-Siedlungen am Rande der Stadt, wo es noch genügend freies Bauland gab, für die damalige Zeit angemessen, weil es einen deutlichen Qualitätssprung gab in der Wohnsituation. Die Neue Heimat wurde 1950 neu erschaffen nach der Zwangsarisierung in der NAZI-Zeit und entwickelte sich in den nächsten 20 Jahren zu einem gigantischen Wohnungsbaukonzern, bzw. dem größten Baukonzern der Nachkriegszeit in Europa. Die Ausstellungs-Kuratoren waren bemüht die Leistungen der Neuen Heimat herauszustellen und zu entkoppeln von dem Skandal-Berichten des Spiegels, die wahrheitsgemäß aufdeckten, dass die Führungsriege des Konzerns zumindest in den Endsiebziger und 8oer Jahren sich selbst an den Bauprojekten bereicherte, was man auch als gigantische Korruption bezeichnen könnte.

Wirtschaftswunderkind hat den Change verpennt

Frau Dr. Stapelfeld lobte die Bauten, wie das CCH, das Alstertal Einkaufszentrum und die Leistung des Konzerns den Menschen schnell großzügigen Wohnraum zu verschaffen. Gleichzeitig führte sie aus, dass der Konzern Neue Heimat schon in den 70er Jahren hätte unternehmenspolitisch umsteuern müssen, weil schon Anfang 1970 die Marktsättigung für Wohnraum erreicht ward und der Konzern aber seine Philosophie der vorangegangen 20 Jahre nicht änderte.

Massen-Siedlungen entsprachen nicht mehr den Bedürfnissen der reich gewordenen Deutschen und die sozialen Implikationen von Massensiedlungen können wir in Paris sehen und an den Kriminalitäts-Schwerpunkten in Deutschland. Auch die Internationalisierung des Wohnungsbau-Konzerns war eine Entscheidung für das gigantische Wachstum, das sich in über 100 Beteiligungs-Gesellschaften ausdrückte, aber gleichzeitig auch eine massive Falle im Sinne einer vorsichtigen Unternehmensführung gewesen ist. Die Weltkarte der Bauprojekte der „Neuen Heimat“ ist beeindruckend und gleichzeitig erschreckend. Also war die Neue Heimat ein unternehmerischer Ausdruck des Deutschen Wirtschaftswunders in den Gedankengängen einer industriellen Herstellung von Massenwohnraum in hochverdichteten und gebündelten Massenwohn-Zentren.

Vielleicht könnte man auch so formulieren:

Die conditio humana impliziert für den Wohnungsbau ein Mindestmaß an Individualität.

Diese Momentum hat der Industrie-Konzern Neue Heimat nicht denken können. Da wir zum Glück in einer Marktwirtschaft leben, entscheiden die Einkäufer, was gebaut wird und in welcher Ausformung. Das Wirtschaftswunderkind Neue Heimat ist aus der Zeit gefallen und wollte seine selbst formulierten, hypertrophen Utopien einfach weiterdenken und formen, am Markt vorbei. Am Markt vorbei heißt eo ipso auch seinen eigenen Sterbeprozess einzuleiten. Dummer Weise sind solche nicht marktkonformen Angebote bei großen Anbietern nicht sofort tödlich. So hat das Sterben des Riesen fast ein Jahrzehnt gedauert und die Scherben desselben sind zum Glück in der Aufspaltung des Konzerns ins regionale Trägergesellschaften gut aufgesammelt worden, denn die 480.000 Wohnungen bestehen allesamt noch heute und müssen weiter modernisiert und erhalten werden von einem Eigentümer, der potent ist. Dazu eigenen sich Wohnungsbaugesellschaft bestens.

Berichte der Hamburger Presse über die NEUE Heimat Ausstellung:  a) MOPO link, die mal wieder auf den Misswirtschaftsskandal abhebt. b) Hamburger Abendblatt, link.

 

Neue Heimat Massen-Silo Neue Heimat Entwurfszeichnung

Neue Heimat weltweite Bauprojekte

 

Neue Heimat Eröffnungsreden Dr Stapelfeld

 

 Größenwahn Planungswahn, Hypertrophie einer Utopie

Ich kann mich an Projekte der NEUEN HEIMAT für den Stadtteil St. Georg erinnern, die visionär und völlig rücksichtslos die Bausubstanz in St.Georg vernichten wollte und den Stadtteil komplett neu erschaffen. ( Danke an STATT-Reisen Hamburg, link.) Zum Glück ist aus dem größenwahnsinnigen Projekt nichts geworden.  St. Georg ist trotzdem massiv gewachsen und hat sich von einem Hinterhof- Bahnhofsstadtteil zu einem gentrifizierten Vorzeige-Stadtteil entwickelt. Hier die Website des Museums für Hamburgische Geschichte zu der Sonderausstellung, link. Der Größenwahn ist in der gezeigten einräumigen Ausstellung gut zu erspüren.  Viele original Planungs-Dokumente sind zu sehen.

Ausstellung Neue Heimat -Soziale Utopie

Ort: Museum für Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, 20355 Hamburg

Zeit: ab 27.06.2019. Eintritt: 9.50 €

Öffnungszeiten: Dienstag ist das Museum geschlossen.

Weiterführende Literatur Neue Heimat

sehr übersichtlich und prägnant hat die Landeszentrale für politische Bildung ein schönes Überschauheft gestaltet. Es kostet sagenhafte 1 € und ist im Museumsshop erhältlich. Weiterhin gibt es noch ein Sozialisten-Werk, dass schwer wie ein Ziegelstein daherkommt. Auch im Museumsshop erhältlich.

Warum ist die NEUE HEIMAT gescheitert?

Offensichtlich hat sich die NEUE HEIMAT nicht einer guten BWLer Betriebsführung befleißigt und seine Führungsriege war korrupt, wie der Spiegel 1982 berichtete, link. Hier ein interessanter Bericht in Capital, link. Der DGB als Eigentümer und Gesellschafter des Konzerns hat seine Aufsichtspflicht nicht gut ausgeübt. So hätte er z.B. die Ausflüge in die internationale Wirtschaft unterbinden können. Auch einer der Gründe, warum der Konzern wegen Überschuldung zusammen gebrochen ist. 3 Mrd DM mußte der DGB an die Gläubiger-Banken der NEUE HEIMAT zahlen. Die TAZ berichtet von der Ausstellung in München, die offensichtlich in Hamburg übernommen wird, link. Die TAZ spricht von der Selbstverliebtheit der damaligen Entscheider in dem Bewußtsein, dass die systemrelevante Größe des Konzerns ihn quasi unangreifbar und nicht konkursfähig machen würde – Too-big-to-fail-Entscheider waren am Werk und wurden doch eines besseren belehrt, link. Es gab keinen staatlichen Rettungsanker ( siehe auch Bankenkriese)  und der Konzern NEUE HEIMAT wurde liquidiert. An der Stelle ist die Berliner Politik klüger geworden und stützt systemrelevante Einrichtungen im 21 Jahrhundert damit die Wirtschaft weiter kreiseln kann.

Die Rettung für Wohnungsnot ist Staatsbewirtschaftung der Wohnungswirtschaft?

In Berlin 2019 wird einmal mehr diskutiert, ob privatwirtschaftliche Bauträger verstaatlicht werden sollten.  Abgesehen davon, dass die Verstaatlichung wg. Art 14 GG nicht funktioniert, sprich nicht rechtsstaatlich ist, fragt sich doch, ob gelenkte Wirtschaftsmodelle nicht eo ipso zum Scheitern verurteilt sind. Staatsrechtlich zulässig wäre wahrscheinlich, dass man eine NEUE HEIMAT II schaffen würde, die Wohnraum für die Bürger schafft und bewirtschaftet. Auf der anderen Seite könnte man auch versuchen und wird auch jedes Jahr aufs neue versucht durch staatliche Flankierungsmodelle (Wohngeld, Mietpreisbremse Mietenspiegel-Erstellung, sozialer Wohnungsbau, et. al.) den Wohnraum für Durchschnittsarbeitnehmer bezahlbar zu machen. Insbesondere in einigen Großstädten wie München, Hamburg und Berlin geraten die Mietpreise zunehmend außer Kontrolle.  Deswegen ist hier eine staatliche Aufsicht und Reglementierung der Mietpreise dringenst erforderlich, denn der Mensch lebt nicht, um zu arbeiten, sondern deutlichst umgekehrt.

Verhältnisse wie in der USA, bei denen die Arbeiter zwei oder drei Jobs am Tag durchführen  müssen, um zu überleben, wollen wir in der Deutschen Zivilgesellschaft nicht sehen.  Außerdem gibt es staatskontrollierte Wohnungsbaukonzerne schon, wie in Hamburg die SAGA. Im Geschäftsbericht der SAGA 2017 wird ausgeführt, dass  von  „1.000.000 Wohneinheiten in Hamburg  – vermietet die SAGA mehr als 132.000 Wohnungen und 1.500 Gewerbeobjekte“. Offensichtlich hat die SAGA von der neuen Heimat gelernt.

Artikel 14 Grundgesetz

(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.

 

About the author

Giovanni

Giovanni ist studierter Jurist und Philosoph als Marketingleiter bei einem Mittelständler unterwegs, Geschäftsführer einer Agentur, ehrenamtlicher Sterbebegleiter, zertifizierter Trauerbegleiter, Beirat ITA Institut für Trauerarbeit, Mitgliedschaften: Marketing Club Hamburg, Büchergilde Hamburg, Förderverein Palliativstation UKE, ITA, Kaifu Lodge, Kaifu-Ritter