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Schalflosigkeit

Schlaflosigkeit

In der heutigen Arbeitswelt immer relevanter wird die Schlaflosigkeit

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Hier ein spannender ARtikel aus der FAZ


Er ist nicht allein. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin klagen 37,6 Prozent der männlichen und sogar 41,8 Prozent der weiblichen Erwerbstätigen über Müdigkeit und allgemeine Erschöpfung am Arbeitsplatz. Etwas mehr als 6 Prozent der Männer und fast 13 Prozent der Frauen sind deshalb sogar in ärztlicher Behandlung. Schlafmediziner glauben, dass Übermüdung ein Problem ist, das in der heutigen Arbeitswelt immer relevanter wird. „Die Anforderungen steigen und damit der Stress. Und die Arbeitswege werden immer länger, was oft zu früherem Aufstehen führt“, sagt Dieter Kunz, Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin.

Bis zu 15 Prozent der Deutschen schlafen chronisch unerholt, besagen mehrere Studien – das heißt entweder zu kurz, mit zu vielen Unterbrechungen oder zur falschen Zeit. Das hat Folgen für die Gesundheit. „Ich gehe davon aus, dass der Wecker ein ebenso großes Potential zur Schädigung des menschlichen Organismus hat wie Alkohol, Rauchen und illegale Substanzen zusammen“, sagt Kunz. Dabei könne das menschliche Gehirn einzelne schlechte Nächte durchaus gut verkraften. „Problematisch wird es, wenn man regelmäßig unerholt schläft.“ Dann beginne das Immunsystem zu leiden, Betroffene werden anfälliger für Stoffwechselstörungen, bekommen mit höherer Wahrscheinlichkeit Diabetes und werden eher übergewichtig.

„Aber auch für die Arbeit selbst ist es hoch problematisch, wenn die wichtigen Funktionen des Schlafs einfach ausfallen“, sagt Kunz. Besonders die sogenannte neuronale Plastizität leidet, wenn Menschen dauerhaft unausgeruht sind. Laienhaft ausgedrückt, wird das Gehirn dann unflexibel und träge, Gedanken können sich nicht mehr so gut und so schnell wie üblich miteinander vernetzen. „Das hat Folgen für das Gedächtnis, für die Fähigkeit zu lernen, aber auch für die Problemlösungskompetenz und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen“, bilanziert Kunz.

„In drei von fünf Nächten habe ich gar nicht geschlafen“

„Wie betrunken“ fühle er sich, wenn er mehrere Nächte durchgearbeitet habe, sagt David Imdorf. Der 31 Jahre alte Assistenzarzt, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat in seiner Laufbahn schon die verschiedensten Schichtmodelle kennengelernt, die im Klinikalltag so möglich sind. Nach dem Studium arbeitete er zunächst in der Neurologie, wo er alle anderthalb Monate eine Woche lang Nachtdienste schieben musste. „Das war wirklich hart“, berichtet Imdorf. „In drei von fünf Nächten habe ich gar nicht geschlafen, in guten Nächten immerhin stundenweise.“

Den nächtlichen Schlaf am Tag aufzuholen – das habe auch nicht immer geklappt. „Man kann ja nicht von einem Moment auf den anderen seinen kompletten Rhythmus umstellen.“ Am schlimmsten an der ganzen Sache aber waren die Spannungskopfschmerzen, die ihn am Ende der Nachtdienstwochen regelmäßig überfielen und erst am Montag oder Dienstag der Folgewoche wieder verschwanden. „So war das ganze Wochenende auch noch im Eimer.“

David Imdorf wechselte die Stelle, ging in die Radiologie und an eine andere Klinik. So wurde er zwar die Nachtschichtwochen los, musste dafür aber etwa sechsmal im Monat 24-Stunden-Dienste schieben. Erst acht Stunden Dienst auf Station, dann noch mal 16 Stunden Bereitschaftsdienst direkt im Anschluss. „Das war zwar besser als die fünf Nachtdienste in Folge“, sagt Imdorf, „aber müde war ich auch dort sehr oft“. Kritisch fand er die 20 Minuten Autofahrt auf dem Nachhauseweg nach einem solchen 24-Stunden-Dienst. „Ich fuhr immer, als hätte ich ein paar Schnäpse intus.“ Mehrfach sei er kurz am Steuer eingenickt, zweimal sei es um ein Haar zu einem Auffahrunfall gekommen. Zu kämpfen hatte er auch mit der Tatsache, dass für ihn der Folgetag nach einem 24-Stunden-Dienst „wie ein verlorener Tag“ war. „Ich fühlte mich jedesmal wie nach einer durchfeierten Nacht.“

Licht und Dunkelheit helfen

Auch auf seine Arbeit hatte die Müdigkeit Einfluss. „Es ist nicht so, dass ich tatsächlich Fehler gemacht hätte deshalb“, sagt Imdorf. „Es stimmt aber, dass man sich oft nur auf das Nötigste konzentrieren kann.“ Häufiger habe er sich am nächsten Morgen Bilder von Röntgen- oder CT-Aufnahmen ein zweites Mal hergenommen – nur um sicherzugehen, nichts übersehen zu haben. Einmal sei er auch mitten in der Nacht vor dem Ultraschallmonitor kurz eingenickt. „In Momenten sehr starker Müdigkeit kam es mir vor, als sähe ich die Welt wie durch einen grauen Schleier.“

Gerade in Berufen, in denen Schichtdienst unvermeidbar ist, lassen sich die Folgen des unerholten Schlafens nur bedingt abmildern, weiß Schlafmediziner Dieter Kunz. Ein paar Rezepte gibt es aber doch: Licht und Dunkelheit helfen dem Körper zu signalisieren, ob er schlafen soll oder ob er wach zu sein hat. Bei Tageslicht, also je nach Tageszeit und Wetter bei 5000 bis 100.000 Lux, werden die Menschen Kunz zufolge erst richtig wach. Die Beleuchtungsstärke in Innenräumen liegt aber höchstens bei 200 bis 300 Lux. Viel zu wenig, findet der Fachmannn. „Je mehr Licht desto besser für Nachtarbeiter“, sagt Kunz. „Umgekehrt ist es wichtig, den Schlafraum gut abzudunkeln, wenn man tagsüber schlafen möchte.“

Zudem seien Nachtschichten viel eher verschmerzbar, wenn sie ausnahmsweise stattfinden. David Imdorfs erstes Schichtmodell mit fünf Diensten hintereinander war dem Schlafmediziner zufolge deutlich schädlicher als das zweite mit gelegentlichen 24-Stunden-Diensten. Ein nicht zu unterschätzender Punkt sei aber auch, dass jeder Mensch seinen ganz individuellen Schlafrhythmus habe. „Mit manchen Personen kann man abends schon ab 21 Uhr nichts mehr anfangen, andere können vor Mitternacht nur schlecht ins Bett gehen“, sagt Kunz. „Diesen natürlichen Rhythmus kann man sich nicht aussuchen, der Einzelne kann ihn sich auch kaum abtrainieren. Das Einzige was da hilft, ist, sich einen Beruf auszusuchen, der den eigenen Schlafgewohnheiten möglichst gut entspricht.“

Auch die Kreativität leidet

So ging es auch David Imdorf. Mittlerweile hat er auch seinen zweiten Klinik-Job wieder gekündigt und arbeitet nun in einer radiologischen Praxis. Zwar hat er dort ebenfalls manchmal eine nächtliche Rufbereitschaft. „Aber immerhin kann ich jeden Abend nach Hause gehen. Wenn ich nachts angerufen werde, bekomme ich die CT- oder Röntgenaufnahmen auf meinen Computer geschickt, kann aus der Ferne die Diagnose stellen und dann direkt wieder ins Bett gehen.“ Imdorf kommt das sehr entgegen. „Früher war ich manchmal in meiner Freizeit auch für einfache Hobbys wie Computerspielen zu müde“, sagt er. Heute ist er sogar seine quälenden Spannungskopfschmerzen endlich losgeworden.

Auch der Künstler Becker Schmitz hat eine Strategie gefunden, wie er mit „müden Tagen“ umgeht. „Ich mache das vor den Studenten mittlerweile einfach transparent. Ich sage denen, hört mal zu, ich habe heute Nacht nicht geschlafen, ich muss mir jetzt erstmal einen Kaffee holen.“ Neulich hat Becker-Schmitz auch einfach eine Lehrveranstaltung ins Freie verlegt. „Das war total angenehm“, sagt er. „Es war sonnig und hell und alle waren sofort viel wacher – auch die Studenten.“ Schlafforscher Kunz fände das Open-Air-Seminar mit Sicherheit eine gute Idee. Für Becker Schmitz’ Malerei an müden Tagen hat Kunz allerdings schlechte Nachrichten: „Müdigkeit beeinträchtigt auch in hohem Maße die Kreativität. Das Gehirn muss wach sein, um wirklich Neues zu schaffen.“

About the author

Giovanni

Giovanni ist studierter Jurist und Philosoph als Marketingleiter bei einem Mittelständler unterwegs, Geschäftsführer einer Agentur, ehrenamtlicher Sterbebegleiter, zertifizierter Trauerbegleiter, Beirat ITA Institut für Trauerarbeit, Mitgliedschaften: Marketing Club Hamburg, Büchergilde Hamburg, Förderverein Palliativstation UKE, ITA, Kaifu Lodge, Kaifu-Ritter