aa -Tagesimpulse Herzenskunde

Schwärmerei

Über die Schwärmerei hat sich der Deutsche Großdichter Hölderlin Gedanken in Versform gegossen:

Schwärmerei

Freunde! Freunde! wenn er heute käme,

Heute mich aus unserm Bunde nähme,

Jener letzte große Augenblick –

Wann der frohe Puls so plötzlich stünde

Und verworren Freundesstimme tönte

Und, ein Nebel, mich umschwebte Erdenglück.

 

Ha! so plötzlich Lebewohl zu sagen

All den lieben schöndurchlebten Tagen –

Doch – ich glaube – nein! ich bebte nicht!

»Freunde! spräch‘ ich, dort auf jenen Höhen

Werden wir uns alle wiedersehen,

Freunde! wo ein schönrer Tag die Wolken bricht.

 

Aber Stella! fern ist deine Hütte,

Nahe rauschen schon des Würgers Tritte –

Stella! meine Stella! weine nicht!

Nur noch einmal möcht‘ ich sie umarmen,

Sterben dann in meiner Stella Armen,

Eile, Stella! eile, eh‘ das Auge bricht.

 

Aber ferne, ferne deine Hütte,

Nahe rauschen schon des Würgers Tritte –

Freunde! bringet meine Lieder ihr.

Lieber Gott! ein großer Mann zu werden,

War so oft mein Wunsch, mein Traum auf Erden,

Aber – Brüder – größre Rollen winken mir.

 

Traurt ihr, Brüder! daß so weggeschwunden

All‘ der Zukunft schöngeträumte Stunden,

Alle, alle meine Hoffnungen!

Daß die Erde meinen Leichnam decket,

Eh‘ ich mir ein Denkmal aufgestecket,

Und der Enkel nimmer denkt des Schlummernden.

 

Daß er kalt an meinem Leichensteine

Stehet, und des Modernden Gebeine

Keines Jünglings stiller Segen grüßt,

Daß auf meines Grabes Rosenhecken

Auf den Lilien, die den Moder decken,

Keines Mädchens herzergoßne Träne fließt.

 

Daß von Männern, die vorüberwallen,

Nicht die Worte in die Gruft erschallen:

Jüngling! du entschlummertest zu früh

Daß den Kleinen keine Silbergreise

Sagen an dem Ziel der Lebensreise:

Kinder! mein und jenes Grab vergesset nie!

 

Daß sie mir so grausam weggeschwunden,

All der Zukunft langersehnte Stunden,

All der frohen Hoffnung Seligkeit,

Daß die schönste Träume dieser Erden

Hin sind, ewig niemals wahr zu werden,

Hin die Träume von Unsterblichkeit.

 

Aber weg! in diesem toten Herzen

Bluten meiner armen Stella Schmerzen,

Folge! folge mir, Verlassene!

Wie du starr an meinem Grabe stehest

Und um Tod, um Tod zum Himmel flehest!

Stella! komm! es harret dein der Schlummernde.

 

O an deiner Seite! o so ende,

Jammerstand! vielleicht, daß unsre Hände

Die Verwesung ineinander legt!

Da wo keine schwarze Neider spähen,

Da wo keine Splitterrichter schmähen,

Träumen wir vielleicht, bis die Posaun‘ uns weckt.

 

Sprechen wird an unserm Leichensteine

Dann der Jüngling: Schlummernde Gebeine!

Liebe Tote! schön war euer Los!

Hand in Hand entfloht ihr eurem Kummer,

Heilig ist der Langverfolgten Schlummer

In der kühlen Erde mütterlichem Schoß.

 

Und mit Lilien und mit Rosenhecken

Wird das Mädchen unsern Hügel decken,

Ahndungsvoll an unsern Gräbern stehn,

Zu den Schlummernden hinab sich denken,

Mit gefaltnen Händen niedersinken,

Und um dieser Toten Los zum Himmel flehn.

 

Und von Vätern, die vorüberwallen,

Wird der Segen über uns erschallen:

Ruhet wohl! ihr seid der Ruhe wert!

Gott! wie mags im Tod den Vätern bangen,

Die ein Kind in Quälerhände zwangen,

Ruhet wohl! ihr habt uns Zärtlichkeit gelehrt.

 

Schwärmerei linguistisch

Hier noch ein paar Gedanken über den Wortstamm Schwärmerei von Educalingo, link:
„Schwärmerei kann eine persönliche Neigung ansprechen, in einem engeren Sinne insbesondere Neigungen, denen Wirklichkeitsnähe beziehungsweise Ernsthaftigkeit abgesprochen wird. Das zugrundeliegende Verb schwärmen ist im Deutschen seit dem 11. Jahrhundert belegt. Zunächst war es vor allem auf das Schwarmverhalten der Bienen bezogen. Im 16. Jahrhundert werden in diesem Zusammenhang die Begriffe Schwärmer und Schwarmgeister geprägt. Vor diesem Hintergrund entwickelt schwärmen später die Bedeutung „sich auf wirklichkeitsferne Weise für etwas begeistern“. Der Schwärmer wird zum „begeisterten Phantasten“. Noch jünger ist die Übertragung auf Personen, im Sinne von jemanden „schwärmerisch verehren“. Hieraus leitet sich auch die heutige Nebenbedeutung von Schwarm als „Liebhaberei“ oder „Geliebte“ ab. Schwärmerei wird auch als eine weniger intensive Form der Verliebtheit bezeichnet.“

In der Biologie und Gesellschaftswissenschaften wird seit einiger Zeit von der Schwarm-Intelligenz gesprochen. In der Politik wird Schwärmerei gerne als Schimpfwort benutzt, als realitätsfremde Grille, die den beschimpften Gegner als Illusionisten brandmarken soll. Wie soll man aber bitte Gesellschaft weiterentwickeln, wenn man nicht Visionen nachstrebt. Helmut Schmidts Zitat zu Visionen:  „Wenn Sie Visionen haben, sollten sie zum Arzt gehen“.

die romantische Schwärmerei

Hölderlin meinte aber mit Schwärmerei  die romantische Verfangenheit für einen Gedanken und für das Herz eines Mädchens. Warum darf man sich nicht als romantisch veranlagter Herzens-Ritter der Schwärmerei hingeben? Schwärmerei ist nach m.E. nicht bedingungsnotwendig konnotiert mit realer Unmöglichkeit, sondern kann als eine Vorstufe, Perspektiventwicklung von Realitäts-Sein weiterentwickelt werden.

Keine Schwärmerei ist die Prominenten-Verehrung

Auf gar keinen Fall Schwärmerei ist die megapeinliche Kultisierung von Prominenten. Menschen des Geldadels, des Sports, der upper class, der Politik werden als Vorbilder genommen.  Warum man seine Gedankenräume mit so einem Müll der GALA und Brigitte füllt, bleibt mir rätselhaft und sündhaft.

Bildrechte Institut für Lebensberatung Hamburg, 2019

About the author

Giovanni

Giovanni ist studierter Jurist und Philosoph als Marketingleiter bei einem Mittelständler unterwegs, Geschäftsführer einer Agentur, ehrenamtlicher Sterbebegleiter, zertifizierter Trauerbegleiter, Beirat ITA Institut für Trauerarbeit, Mitgliedschaften: Marketing Club Hamburg, Büchergilde Hamburg, Förderverein Palliativstation UKE, ITA, Kaifu Lodge, Kaifu-Ritter