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scientia mortuorum

scientia mortuorum
Written by Giovanni

In der Ex-DDR in Neustrelitz findet am 11.8.2018 das erste Wissenschaftsfestival über den Tod statt. Iniatorin ist Dr Anja Kretschmar, eine Kunsthistorikerin, die sich mit einem super spannenden Veranstaltungsformat – Friedhofsgeflüster, link, deutschlandweit einen Namen gemacht hat. Laut Eigenangaben von Anja sollen über 500 Bestatter und Bestatterinteressierte zum Festival im Nirgendwo zusammenkommen. De facto würde ich sagen sind rund 450 todesaffine, Bestatter, Todesinteressierte und Grufties aus Berlin und dem Rest der Welt  zusammengekommen.

Chapeau Anja ! Dafür, dass du so jung bist, ein überragendes Ergebnis mit einer nationalen Reichweite.  Auch die Auswahl des Ortes verdient ein großes Lob.

Scientia mortuorum

scientia-mortuorum-Tod

nannte Dr. Anja Kretschmar ihre Veranstaltung, link. Laut Vorankündigung geht es um verschiedene Aspekte rund um den Tod. So hat die Thanatologie einen gewichtigen Platz als eine der handwerklichen Leistungsstufen eines tiefschürfenden Bestatters. Neumodisch nennen sich die Spezialisten der Leichen-Versorgung auch Thanatopraktiker.  In Deutschland gibt es nur 150 Thanatologen, Thanatopraktiker.  Zwei Thanatologen hat das „GBI“ in Hamburg, link.

1. „Schlossführung“  der Landes-Irrenanstalt Neurstrelitz

Der Förderverein Landesirrenanstalt Neurstrelitz hat sich viele Mühe gegeben ein schönes Umfeld für die Fachtagung zu schaffen. Unser Führer hat uns erklärt, dass die Anstalt im beginnenden 20 Jahrhundert ein modernes Unikum war. Überhaupt die Schaffung von Irrenanstalten war eine Leistung, die dem damaligen Herrscher nur schwer aus den geldlichen Rippen zu schneiden war. So entstand die Anstalt in nur 4 Jahren Bauzeit mit folgenden Bautrakten:

1. Verwaltungsbau mit Kapelle und Wohnung des Chefarztes

2. Rechts und Links zwei große Seitengebäude mit dem sehr netten Namen „Frauen I“ und „Männer I„.  Hier waren die leichten Fälle.  Dahinter gelegen waren neue Häuser mit den Namen Männer II und Frauen II.  Hier waren die hochintensiv zu betreuenden Fälle untergebracht. Das Personal mußte entweder in den Häusern mitwohnen, manchmal so gar im selben Raum schlafen.  Auch hübsch, dass der Anstaltsleiter die Heirat seines Personals genehmigen mußte.  Man wollte keine neuen Familien, sondern dienendes Personal, was am besten hier ganzes Leben der Anstalt widmete. Tragischer Weise hat gleich der erste Chefarzt Suizid im nahegelegenen See begangen, weil ihm eine Liebesaffaire zur Oberschwester unterstellt worden ist von seinem untergebenen Arzt. Daran war nichts, außer dass der Dr..tralala an der Position des Chefarztes interessiert war und seinen Leumund und Ruf untergraben wollte. Auch hier schon mobbing in der schärfsten Form. Auch spannend war, dass man im Dachstuhl als Rentner sich einkaufen konnte für 900 Reichsmark auf Lebenszeit und so an der pflegerischen Betreuung partizipieren konnte und an den Mahlzeiten teilnehmen konnte.  “ Eine Art betreutes Wohnen“ so der Dozent –  kluges Erlösmodell und so bedarfsorignell.

Euthanasie im 3 Reich in der Nervenheilanstalt Neustrelitz

Im dritten Reich war die Nervenheilanstalt von den Euthanasie Morden, angeordnet aus Berlin Tiergartenstraße 4 T4 nicht verschont geblieben. 250 Meldebogen sind nach Berlin geschickt worden. In Berlin entschieden 3 Prüfärzte, wer des Todes war. 64 Menschen sind nachweislich ermordet worden. a) durch Deportations in Vergasungsanstalten b) durch Morde innerhalb der Anstalt.  Der letzte Chefarzt wurde 1946 erschossen von den Russen. Ich denke nicht, dass er das Unschuldslamm argumentieren konnte, s.o.

Krankenhaus in der Nervenheilanstalt Neustrelitz

Auch wurde ein weiterer Gebäudekomplex geschaffen, der ein Krankenhaus sein wollte.  Das Krankenhaus sollte nicht in der Stadt Neustrelitz wohnen, weil es für hochansteckende Krankheiten gedacht war.  Der stellvertretende Oberarzt hatte dort seine Dienstwohnung. Auch schön, die Irren und die Ansteckenden auf einen abgelegen Acker zusammenzustecken. Nach 10 Jahren wurde das Krankenhaus umgewidmet und es entstand eine Anstalt zur Betreuung von Waisenkindern.  Die Pflege-Schwestern konnten hier sogar ein Examen ablegen, was für Mädels damals ungewöhnlich war.  1930 wurde auch dieser Verwendungszweck aufgegeben und das Gebäude wurde wieder Krankenhaus.  Dieses Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz und wird wohl bald abgerissen.

Krankenhaus Nervenheilanstalt

Auch mega beeindruckend war der technische Teil, denn mit drei zentralen Kesseln gab es eine zentrale Warumwasserversorgung 1900, hochinnovativ, heute megaspucky.

Heizkessel Nervenheilanstalt Kesselhaus Nervenheilanstalt Kesselhaus openair

 

Es gab einen Friedhof mit über 560 Seelen. Leider haben die Russen ihn ihrer Besatzungszeit von 1946 bis 1993 drei Meter Müll und Erde auf den Friedhof geschaufelt.  Jetzt ist auf dem Friedhof ein prächtiges Solarpanel Feld, schön mit Metallzaun abgeschottet.

Erinnerungskultur Nervenheilanstalt Neustrelitz

2. Bestatter Vieweg –  Wesenheit und Vorteile der Thantologie Thanapraxie

den Bericht könnt ihr auf der Internetseite des Vereins Quo Vadis lesen, link.  Die Kernthese lautet:

Thanatogie ist ein Teil einer modernen Versorgung eines Verstorbenen und dient der Trauerkultur. Insbesondere bei plötzlichem Unfalltod. Mehr Infos bei dem Verein für Trauerkultur Quo Vadis e.V. link.

3. Genese und Wesenheit des Plastination

Super spannend war der Vortrag des Sohnes von Dr. van Hagen, dem Erfinder der Plastination 1977. Nicht etwa die böswilligen Spiegeljournalisten haben Recht, dass Dr von Hagen eine obskure nicht wissenschaftliche Gestalt sein. Dr von Hagen war Assistenzarzt an der Uniklinik in Heidelberg.  Schon in den 70er Jahren hat er eine eigene Firma aufgemacht mit dem Geschäftsziel Plastinate zu verkaufen. 1977 war die Plastination so weit entwickelt, dass das Verfahren wissenschaftlich anerkannt wurde. Die Idee ist, dass man Präperate nicht in Formaldehyd aufgewahrt, wie seit vielen Jahrhunderten,  was stinkt und relativ giftig ist, sondern das H2O, sprich Wasser ersetzt im Körper und den Organen durch Silikon.  Damit das Funktioniert, muß an einen kleinen chemischen Umweg zu gehen. Auf diese Idee zu kommen war eine wissenschaftlich große Leistung von Dr Gunter van Hagen.  Nach der Präperation der Leiche wird sie zunächst in Formaldehyd aufbewahrt, damit alle Verfallsprozesse gestoppt werden können.

Die Selbstauflösung, Autolyse des Körpers verhindern

Das Verfahren läßt sich dadurch begründen, dass der Verfall, sprich Autolyse nur funktioniert, wenn Bakterien und Pilze ihr Werk verrichten können. Schafft man es, denn Bakterien ihren Lebensraum gänzlich zu nehmen, findet keine Autolyse statt, findet null Verfall jeglicher organischen Körper statt. Deswegen können die medizinischen Präparate auch Jahrhunderte in den wissenschaftlichen Sammlungen aufgewahrt werden, ohne dass es zu Qualitätsverlusten kommt.

Wie funktioniert die Plastination?

Das Neue an van Hagens Idee ist, dass er die Organe komplett entwässert über einen chemischen Prozess mit Aceton. Nach der Substitution von Wasser durch Aceton kann das Organ unter Unterdruck nunmehr das Silikon aufnehmen, dass ihn in einer neuen Lösung umgibt. Der Diffusionsprozess dauert eine Zeit.  Noch ist das Silikon weich und kann geformt werden und präpariert, z.B. mit Luftpolsterfolie.  Damit aber ein gutes und vollständige Plastinat entsteht, muss das Silikon noch aushärten. Das wird mit einer Gasumspülung erreicht die viele Wochen bis Monate dauert.  Dann ist das Plastinat perfekt und quasi für die Ewigkeit geschaffen. Hier kannst du die Prozesse nochmal genau nachlesen, link.  Die Präperation soll 1000 Stunden dauern.  Die Herrichtung der Leiche in die gewünschte Pose und die erneute Präperation der Gefäße, Nerven, Muskeln usw. kann nochmal bis zu 1000 Mannstunden dauern. So erklärt sich, dass Plastinate nicht wirklich günstig sind. Außerdem so erläutert uns van Hagen, können Plastinate nur Berufene und qualifzierte Institutionen bestellen, sprich Mediziner und Universitäten.

Plastination für Universitäten

Im neuen Institut für Plastination in Guben arbeiten 70 Mitarbeiter, um Plastinate herzustellen und zwar in erster Linie für den Wissenschaftsbetrieb, heißt Universitäten, die die Plastinate als Lehrmaterial nutzen möchten.  Die Ausstellungen der Plastinate für Laien touren durch die Welt,es gibt wohl 12 verschiedene Gesamtausstellungs-Kreationen. Super spannend auch, wie aus einer absoluten Garagenfirma ein gesundes Mittelstandsunternehmen geworden ist.  Heute , summer 2018, ist Dr van Hagen noch tätig, aber aufgrund einer Erkrankung kann er kaum noch Sprechen. Das Unternehmen führt jetzt sein Sohn, der BWLer ist und in seiner ganzen Jugend den Aufbau der Firma und die Prozesse der Plastination erlebt hat.

Entwicklungsgeschichte der Plastiantion

 

In der Anfangszeit hatte Gunter van Hagen in ganz Heidelberg Garagen angemietet, um dort seine Plastinate zu züchten, bzw. durchzuführen. Seiner Frau verkaufte er die Anschaffung eines VW-Busses „ Brauchen wir für Urlaubsreisen“.  In Wirklichkeit fuhr er mit seinem kleinen Sohn von Garage zu Garage, mit Silikonfässern, und brachte so langsam seine Firma zum Wachsen.  Auch wurde das Verfahren nicht geheim gehalten, sondern es wurden im universitären Kontext viele Workshops geschaffen – scientific community.  Im heimischen Backofen wurden die Plastinate gegart und ausgehärtet. Mit dem heimischen Nudelholz wurden die nicht erwünschten Blasenbildungen des Acetons aus den Plastinaten gebügelt. Das Hemdsärmelige in der Umgehensweise ein Unternehmen zu Gründen, fernab aller Bedenkenträger aus dem medizinischen Uni-Umfeld Heidelberg ist das Erfolgsgeheimnis von Dr van Hagen. Den Durchbruch, auch in finanzieller Hinsicht, hat aber nicht die wissenschaftliche Nutzbringung geschaffen, sondern die Öffnung des Gedanken und Erkenntnisraumes für die Allgemeinheit.  Anliegen von Wissenschaft war es von jeher auch die Laien über die Erkenntnisfortschritte zu informieren. Auch ein Anliegen der Aufklärung des 18. Jahrunderts.

Öffentliche Plastianations Ausstellungen für Laien

Bei der einer Krankenkasse in Pforzheim fand die erste Plastiantionsausstellung statt und innerhalb weniger Wochen kamen 20.000 Besucher. In Japan fand die erste große Plastinationsausstellung statt mit über 400.000 Besuchern.   Die Firma wuchs und wuchs und es gab einen großen Hype um die Plastinationsaustellungen in den 2000er Jahren.  Basis war 1993 die Gründung eines weiteren Privatunternehmens von Dr van Hagen, der ihn von den universitären Fesseln befreien konnte. Man könnte das auch Spinn-off nennen, oder Transformation von Universitätserkenntnissen und mit Steuermitteln geförderter Forschung in ein recht erfolgreiches Privat-Unternehmen.  In den USA ist das völlig legitim, so sei der Familien van Hagen der Erfolg gegönnt. Hier der link zum Institut für Plastination in Guben.

Plastination van Hagen

 

Die Leichenwagenausstellung

Ein Teil des Festivals war die Leichwagenausstellung, auch Überführungsfahrzeuge genannt. Nach meinem absoluten Laienurteil war nichts wirklich geniales dabei. Benchmark: BEFA 2014, auf der Leichenwaagen aus Indien gezeigt worden sind. Gut die BEFA ist ein Millionen-Messe-Unternehmen, das Festival ist noch im Wachsen.  Sogar ein Leichenwaagen aus UK ist über den Kanal gefahren. Immerhin hat sich eine nennenswerte Zahl von Leichenwagen zusammgefunden. Ich bin ganz sicher, dass der eine oder andere auch umfunktioniert worden ist als mobiles Camping-Gefährt. Konversion ist zwar spoocky, aber nicht ungewöhnlich.

Opel Leichenwagen Leichwagen als Kult Leichenwagen

 

Hier das Programm des Wissenschaftsfestivals über den Tod – Scientia mortuorum:

13.15 – 14.15 Uhr
Vortrag Jörg Vieweg – Thanatologie
„Die thanatopraktische Versorgung als Teil einer lebendigen Abschiedskultur“ 

14.15 – 14.45 Uhr
° Thereminkonzert mit Robert Meyer
° Rundgang „Irrsinniger Keller“
° Fotoausstellung von Marcus Rietzsch
„Schon unser Heut ein Gestern ist“ und „Friedhofsimpressionen“

15.00 – 16.00 Uhr
Vortrag Rurik von Hagens – Plastinate GmbH
„Vom Mensch zum Plastinat“

17.00 – 18.00 Uhr
Lesung Dr. Peter Wilhelm – bestatterweblog
„Gestorben wird immer“ eine etwas andere Lesung über den Tod

18.30 – 19.30 Uhr
Vorstellung der Leichenwagen

20.00 -21.30 Uhr
Vortrag Dr. Mark Benecke – Kriminalbiologe
„Irre Fälle“

21.30 -22.00 Uhr
Diskussion und Fragen an die vier Referenten

Abschluß-Party open end.

Bildrechte Institut für Lebenskunde, Hamburg, August 2018

About the author

Giovanni

Giovanni ist studierter Jurist und Philosoph als Marketingleiter bei einem Mittelständler unterwegs, Geschäftsführer einer Agentur, ehrenamtlicher Sterbebegleiter, zertifizierter Trauerbegleiter, Beirat ITA Institut für Trauerarbeit, Mitgliedschaften: Marketing Club Hamburg, Büchergilde Hamburg, Förderverein Palliativstation UKE, ITA, Kaifu Lodge, Kaifu-Ritter