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Selbstbestimmung am Lebensende

Selbstbestimmung am Lebensende ist eine Autonomie-Frage des Sterbenden in Abgrenzung zu den System-Imperativen der Lebenserhaltung

Prof. Dieter Birnbacher ( Vorsitzender der Ethik-Komission der Bundesärztekammer) hielt am 17.06.2015 einen schönen, gedankenreichen und tiefschürfenden Vortrag über das Lebensende aus philosophischer Sicht unter besonderer Berücksichtigung des Sterbefastens an der Universität Hamburg. Das Sterbefasten beschreibt folgende Handlungen: das freiwillige Verzichten auf Essen und Trinken. Schon in der Antike war die Methode bekannt, z.B. bei Demokrit. Marc Aurel, der römische Kaiser hat sich auch darauf gestützt. In der jüngsten Zeit ist folgendes Buch sehr stark nachgefragt „Ausweg am Lebensende“, das in 2015 in der 4 Auflage erscheint:

„Ausweg am Lebensende: Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken“  von den Autoren Chabot und Walther

Hier kannst du das Buch über das Sterbefasten bestellen beim Reinhard Verlag, link. Es ist 2015 bereits in der 4 Auflage erschienen. Die 180 Seiten kosten 19.90 €

Ausweg am Lebensende

Wiki erklärt Kontingenz wie folgt:

Das Wort Kontingenz mit dem Adjektiv kontingent (griech. τὰ ἐνδεχόμενα (endechómena), „etwas, was möglich ist“; mlat. contingentia, „Möglichkeit, Zufall“) ist ein philosophischer Terminus, der u.a. in der Modallogik undOntologie gebraucht wird. „Kontingent“ bezeichnet den Status von Tatsachen, deren Bestehen gegeben und weder notwendig noch unmöglich ist. Daran anknüpfend beziehen sich Redeweisen wie „kontingentes Sein“, auch etwa im Kontext der Religionsphilosophie, auf eine Abhängigkeit von Vorursachen dafür, dass eine Sache bzw. ein Sachverhalt überhaupt ist und so ist, wie diese bzw. dieser ist.

Sandkühler (wisschenschaftliches Philosophielexikon) schreibt in der Rubrik Zufall (3113) „Seit Kant ist die Zufälligkeit die deutsche Entsprechung zu Kontingenz. (3114): Die Stoiker lehren uns eine universale Gesetzmäßigkeit der Natur, alles geschieht aus Notwendigkeit. Der Zufall ist nur der Ausdruck für die Unkenntnis der Ursachen.


Persönliche Stellungnahme zum Suizid durch Einsicht- Bilanz-Suizid im Alter

Ich persönlich als Philosoph empfinde die Begründungsebene „Zufall“ als die schwächste aller deduktiven Möglichkeiten. Vielmehr glaube ich als dezidierter Naturwissenschafts-Jünger an eine unumschränkte Verknüpfung von Kausalketten.  Je mehr wir erkennen im Kosmos der Biochemie wissen wir, dass sich fast alles auf kausale Wirkketten zurückführen lässt.  Ein Mensch stirbt aus kausalen defizitären Wirkmechanismen im „Räderwerk seiner Körpers“. Ob es um eine falsche Translation der Gene in der Zellspaltung geht, oder ob, wie im Krieg, der Körper durch feindliche Zellen zerfressen wird, alles hat einen Grund, der sich deduzieren lässt. Eines der Grundgesetze der Physik, Biologie lautet: Von Nichts kommt genau Nichts.  

Gleichzeitig bin ich sicher, dass es metaphysische Wirkkräfte gibt, die etwas steuern, weil es zielführend ist. Auch wenn es für unser Auge nicht erkennbar ist, so hat das nichts mit Kontingenz zu tun. 


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Prof. Birnbacher führt aus, dass in der Pränatalmedizin heute alles Denkbare durchgeführt wird, und damit die Geburt aus dem Kontingenzraum befreit wird. Im 21. Jahrhundert hat die Regelungsfähigkeit nun auch auf die Möglichkeit der Bestimmung des Todes, rsp. Todeszeitpunktes übergegriffen.  Wir können Maschinen abstellen,weil es die Patientenverfügung so befielt. Wir können in die Schweiz fahren, und über den Sterbehilfeverein bewusst aus dem Leben scheiden, wenn eine geprüfte schwerwiegende Indikation vorliegt. In den Beneluxstaaten sei die liberalste Handhabung dieser Fragestellung festzustellen. Dort können sich auch einfach Menschen umbringen lassen, die keine schwerwiegende physische Krankheit haben

Selbstbestimmungsrecht versus Ärztliche Heilkunst

M.a.W. das Selbstbestimmungsrecht wird weit höher gewichtet, als der ärztliche Paternalismus. Ärztlicher Paternalismus ist nach Prof Birnbachers Darstellung heute immer noch weit verbreitet, dass heißt die Ärzte entscheiden für den Patienten, mit und ohne Patientenverfügung.  Was am schockierensten an dem Abend war, ist die Aussage, dass Patientenverfügungen durch Ärzte tendenziell nicht geachtet werden und nur dann gut durchgesetzt werden können, wenn es einen Amtswalter, Vormund, Verwandten whatever gibt, der auf die Einhaltung der Patientenverfügung dringt. (Ich weiss gewiss aus eigener Erfahrung als Sterbebegleiter, dass auf Palliativstationen und Hospizen die Patientenverfügung durchaus geachtet wird.)

Ärztliches Selbstverständnis bei Selbstbestimmungsfragen am Lebensende

Vielleicht hat es auch mit dem Diktum zu tun : pro vita im Lichte des Hippokratischen ärztlichen Eides, dem sich Ärzte immer näher fühlen durch ihre Basisannahme der curativen Medizin. Das neueste zur abschließend geregelten und durchschlagkräftigen Patientenverfügung kannst du hier nachlesen.(17.12.2016)

Seit einigen Jahren gehört allerdings die Palliative Ausbildung zum Teil des medizinischen Studiums. Angeblich ist die Verbreitung der Patientenverfügung bei gerade mal 10 %. Eine wirklich erschreckende Zahl, wo seit ein paar Jahre ein Bundesgesetz diese Form der Selbstbestimmung am Lebensende, de iure, absichert. Insbesondere wenn der Patient vorher in ambulanter oder stationärer psychiatrischer Behandlung war, zum Beispiel wegen Altersdepression, tendiert die Berücksichtigung des eigenen Willens gen Null. Es wurde aus einem Behandlungsvertrag einer Uniklinik ziteriert :“  wir berücksichtigen gerne den Willen des Patienten, aber wenn wir zu einer anderen sachlichen Auffassung der Indikation und Behandlungswege kommen, werden wir unserem ärztlichen Ethos folgen“  Solche Formulare drücken nicht gerade die Achtung vor dem Selbstbestimmungsrecht  aus. By the way: das Selbstbestimmungsrecht ist im Deutschen Grundgesetz verankert. Art 2.I GG „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt…..oder das Sittengesetz verstößt.“

Selbstbestimmung aus Philosophischer akademischer Sicht

In der Rückschau gab es schon eine Reihe von Philosophen, die es als Sittliches Gesetz ansahen, dass Selbsttötung unzulässig sei. Prof. Birnbacher benennt Kant, der behauptet, dass aus dem kategorischen Imperativ so eine Schlussfolgerung zu ziehen sei.  Prof Birnbacher:“ wir zeigen in jedem Proseminar, dass hier die Gedankenführung von Kant völlig unhaltbar ist. Er hat vom Ergebnis her gedacht und ist nicht der philosophischen Tradition der Ableitung von a nach b, von b nach c gefolgt„. Birnbacher behauptet, dass cum granu salis die meisten Positionen, die die Selbsttötung negieren schwach sind, religös verortet. Für einen echten Philosophen sind Argumente der Letztbegründung Gott, Gottes Gesetzes, whatever keine akzeptable, belastbare Begründungsebene, da sie ganz leicht manipulierbar sind und als willkürliche Setzung bezeichnet werden könnten.

Nach einer Passage über Seneca, der das freiwillige Töten seiner Selbst befürwortet, wird von Prof. Birnbacher dargestellt, dass es inzwischen eine breitere Bewegung gibt, die das Sterbefasten als einen probaten Weg anerkennen.  Der Vorteil ist, dass man kann noch bis zu 7-10 Tage von seinem Vorhaben zurücktreten kann. Nach der Schweizer Lösung ist das nicht möglich – der Tod tritt unmittelbar nach der Einnahme des Giftcocktails ein. Meistens sind es die Verwandten, die den Sterbewilligen zum Rücktritt motivieren. Selbst in der Antike gibt es ein Beispiel, wo die Schwester zum 103-jähirgen Sterbenden  sagt: „aber bitte nicht an dem Fest der Götter….  sterben“. Hier erkennen wir die absolute Beherrschung des Todes, nehmen ihm praktisch die Schaufel aus der Hand. Die größte Herausforderung besteht in der eigenen Willensstärke, diesen Verlustprozess des eigenen Selbst auch durchzuziehen.

( Aus meiner Praxis als Sterbebegleiter weiss ich, dass der Mensch am Lebensende sehr starke archaische Überlebenstendenzen hat, weil wir als „Tiere“ auf das höchste Ziel, das Leben programmiert sind.)

Prof. Birnbacher stellt sich die Frage, ob die Ärzte verpflichtet sind, auf diese Lösung des Sterbefastens hinzuweisen und kommt zu dem Schluss, dass es keine Hinweispflicht gäbe. Ich bin mir extrem sicher, dass es kaum Ärzte gibt, die diese Lösung freiwillig, proaktiv kommunizieren.

Ist der Tod beim Sterbefasten als Natürlicher Tod zu subsumieren?

Spannend ist auch die Frage, was auf dem ärztlichen Totenschein anzukreuzen ist  a) natürlicher Tod  b) unnatürlicher Tod, c) unbekannte Todesursache. In den Niederlanden  wurden 93 % mit „natürlicher Tod“ angekreuzt. Prof Birnbacher kommt zu dem Schluß, dass es sich dennoch bei der Sterbefasten um einen passiven Suizid handelt.  Er führt aus, dass nach seiner umfassenden Kenntnis aller philosophischen und ärztlichen Positionen diese Form der berechnenden Selbsttötung aus guten Grund, einer schwerwiegenden Krankheit absolut zulässig ist. Allerdings muß man aufpassen, in welchem Alterssegment so eine Vorhaben durchgeführt wird, weil über 90 % der derzeitigen Suizide als Hilfe-Ruf-Suizid zu kennzeichnen sind, die aufgrund von emotionaler Überwallung die Lebensthemen nicht mehr gut beherrscht werden können, und man sich im Grund genommen nur überfordert fühlt. Auch eine Altersdepression ist kein hinreichender Grund, sich umbringen zu dürfen.

Eine echte Regelungsbedürftigkeit sehe ich in versicherungsrechtlicher Hinsicht. Bei einer Reihe von Versicherungsverträgen ist der Suizid eine Ausschlußklausel für die zahlungspflicht. Da sollte man doch in dem o.g. setting dringenst darauf hinwirken, dass die kein klassischer Suizid ist, sondern ein ethisch vertretbarer Bilanzsuizid. der nicht durch kleinteilige Versicherungsklauseln unterminiert werden darf. Wenn man bedenkt, dass der Tod durch die schwere Krankheit eh eingetreten wäre, dann ist das Sterbefasten keine kausal hinreichende Ursache für die Wirkung, hier der Tod.

Anschließend entspann sich noch eine spannende Diskussion von 45 Minuten vor den 50 Gästen, die teilweise beruflich in dem Themenfeld unterwegs waren.


 

METAPHYSIK: Besonders schön finde ich, dass die Facebook-Anzeigen, die ich privatim geschaltet habe, um für mehr Gäste zu sorgen, sogar bis zur UKE-Palliativstation geführt haben. Dort ist der Autor schon seit ein paar Jahren Mitglied im Förderverein- hatte aber versäumt den Vortrag dort zu platzieren. Wenn das nicht eine echt schönen Verschränkung von guten Wollen und zielführender Platzierung ist. Die einen könnten sagen, reinste Koinzidenz, rsp. Kontingenz, die anderen, wie ich, glauben an eine metaphysische Verknüpfungs-Ebene im Sein, dass fügt, was zusammengehört.


Ein sehr schöner Artikel über das

Sterbefasten

ist im TAGESSPIEGEL im April 2017 erschienen. Er zeigt, dass in der Abschiedlichkeit die Möglichkeit des Sterbefastens eine moralisch völlig legitime Art der Beendigung des Lebens ist, auch wenn viele systemische Schranken überwunden werden müssen. So müssen sowohl Ärzte diesen Weg akzeptieren, als auch Pflegekräfte. Bei beiden Berufsgruppen ist immer der Heilerfolg im Fokus, und nicht das bewusste Loslassen, sprich aktive, langsame in den Tod gehen. Aber es scheint sich ein kleiner Bewußtseinswandel diesbezüglich festmachen zu lassen.

Zitat: „Jürgen Bickhardt vom Palliative Care Team Fürth gGmbH und Roland Martin Hanke wiederum beschreiben den FVNF in einem Beitrag für das „Deutsche Ärzteblatt“ als eine „ganz eigene Handlungsweise“, die weder mit dem Abbruch einer ärztlichen Behandlung noch mit dem Suizid gleichgesetzt werden dürfe. Am Ende stehe ein natürlicher Tod, ohne Einwirkung von außen. Das sollte ihrer Ansicht nach auch auf dem Totenschein angekreuzt werden. Als Diagnose sei dann etwa „akutes Nierenversagen“ in Betracht zu ziehen.“

Hier kommst Du zum Original-Artikel link.


 

Die ZEIT hat sich auch dezidiert und tiefschürfend mit derm Sterbefasten auseinandergesetzt in einem Artikel aus 2014.

Artikel in der ZEIT Nr 16/ 2014

STERBEHILFE Fasten als letzte Lösung

Schwerkranke oder Lebensmüde wählen oft den „natürlichen“ Suizid: Sie verzichten auf Essen und Trinken. Dürfen Ärzte sie dabei begleiten? VON SUSANNE SCHÄFER

 

Als Marion M. erzählt, warum sie nicht mehr leben will, lässt sie an ihrer Entschiedenheit keinen Zweifel. Wach und fest ist ihr Blick, aufrecht sitzt sie auf dem Sofa und blickt entschlossen in die Kamera. „Es gab einen Punkt, bis zu dem habe ich gekämpft wie eine Löwin, unter allen Schmerzen, unter allen Einschränkungen und in verzweifelten Momenten“, sagt die 56-Jährige, die jetzt so zerbrechlich wirkt. Inzwischen sei sie nicht lebensmüde, aber leidensmüde. Sie, die Frau, die immer alles allein konnte, habe Angst davor, anderen ausgeliefert zu sein.fasten zu begleiten. Etwa vier solcher Fälle pro Jahr hat der Arzt und Vorsitzende des Hospizvereins Fürth.

Hier weiterlesen diesen wunderbaren, berührenden ZEIT Artikel, link.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

Sterbefasten aus Sicht des Schweizer Sterbehilfe-Vereins

Der Verein EXIT aus der Schweiz, wo Sterbehilfe ausdrücklich erlaubt ist, hat eine gut gelistete Seite geschaffen zum Thema Sterbefasten. Hier klicken. Wir stellen die Seite vorher ohne jegliche Wertung und ohne jegliche Positionierung für oder gegen das selbstbestimmte Sterben.

Weiterführende Texte vom Institut für Lebenskunde

Ein sehr beliebter Text des IfL, Institut für Lebenskunde sind unsere Betrachtungen zur Präfinal-Phase bei Sterbenden, hier weiterlesen.

About the author

Giovanni

Giovanni ist studierter Jurist und Philosoph als Marketingleiter bei einem Mittelständler unterwegs, Geschäftsführer einer Agentur, ehrenamtlicher Sterbebegleiter, zertifizierter Trauerbegleiter, Beirat ITA Institut für Trauerarbeit, Mitgliedschaften: Marketing Club Hamburg, Büchergilde Hamburg, Förderverein Palliativstation UKE, ITA, Kaifu Lodge, Kaifu-Ritter